Ein Riesenschritt im Krimi: TSB Gmünd erklimmt die Tabellenspitze

Der TSB Gmünd stellt abermals seine Stärke in Spitzenspielen unter Beweis. Gegen den TVS Baden-Baden korrigieren die „Jets“ einen schwachen Start, behalten aber in den entscheidenden Szenen die Nerven. 14 Sekunden vor Schluss wirft Kapitän Tom Abt sein Team zum 35:34 (18:15) – Sieg, der die Tür zur 3. Liga ganz weit aufstößt.


Die gesamten Emotionen mussten raus. Alles, was der 60-minütige Krimi aufgebaut hatte, entlud sich in einer dramatischen Schlussminute und anschließender Rudelbildung beider Mannschaften. Welche sich schnell auflöste, doch die 900 begeisterten Zuschauer hatten die gesamte Spieldauer gemerkt, dass es um Alles ging. Gegen den früheren Drittligisten aus Baden-Baden hatte der TSB Gmünd das bessere Ende für sich, grüßt nun von der Tabellenspitze und ist nur noch sechs Spiele vom Aufstieg entfernt. „Wir haben das erste Finale gewonnen“, freute sich Aaron Fröhlich in diesem erlösenden Moment. Der TSB-Trainer selbst hatte am Ende wegen Reklamierens die Rote Karte gesehen.

 

Sein Gegenüber, der frühere Bundesligaspieler Sandro Catak, hatte sich ebenfalls eine Zeitstrafe eingehandelt und gratulierte dennoch seinen Mannen zu einer leidenschaftlichen Vorstellung. „Fünf Stammspieler haben uns gefehlt und trotzdem haben wir eine überragende Angriffsleistung geboten“, so Catak: „Dass am Ende die Emotionen überkochen, ist normal und gehört dazu. Wir haben es letztlich nicht geschafft, die wichtigen Gmünder Spieler unter Kontrolle zu bekommen.“ Allen voran den nervenstarken Linksaußen Niklas Burtsche (11 Tore) und Spielmacher Tom Abt. „Es fühlt sich unfassbar gut an“, jubelte Abt, nachdem er das dramatische Spitzenspiel mit seinem neunten Treffer entschieden hatte. Er fügte an: „Wir wussten alle, was für ein großes Spiel ist und dass wir leiden mussten.“

 

Zu Beginn tat sich der TSB schwer, den Fokus zu finden. Die Gäste erzielten die ersten beiden Tore und TSB-Tormann Daniel Mühleisen verhinderte mit einer Glanzparade sogar einen 0:3-Rückstand. Erst nach fünf Minuten traf Burtsche von der Siebenmeterlinie, erzielte nach Traumpass von Abt das erste Tor aus dem Spiel heraus zum 2:4 (8.). Es war der Startschuss für die Gmünder Reaktion. Mit einem 5:0-Lauf drehten die Jets das Spiel auf 8:5 (14.). Ob vom Flügel oder im Tempo-Gegenstoß, Burtsche blieb cool. Defensiv verrichte Andreas Maier gemeinsam mit Yannik Leichs Schwerstarbeit, dahinter lief Mühleisen zur Höchstform auf.

 

Vorzeitig absetzen konnten sich die Gmünder in diesem körperlichen und emotionalen Kampf aber nicht. Baden-Baden setzte immer wieder seine Rückraumschützen Tim Krauth und Julian Schlager gekonnt in Szene, blieb so ganz dicht dran. Gästecoach Catak ärgerte sich allerdings über „eine Schwächephase von fünf Minuten“, in denen der TSB direkt vor der Pause Oberwasser gewann. Kreisläufer Jonas Waldenmaier setzte sich am Kreis durch und erhöhte auf 14:11 (23.). Weiterhin waren es Abt und Burtsche, die die Halle anheizten. Durch Krauth verkürzte Baden-Baden nochmals, doch das letzte Wort vor dem Seitenwechsel hatte der flinke Burtsche mit dem 18:15 (30.).

 

„Wir haben uns nicht ganz frei machen können von der Tabellensituation“, bekannte Aaron Fröhlich später: „Wir haben mit uns selber und mit dem Gegner gekämpft.“ Denn erneut war sein Team nicht wach genug, als es aus der Kabine kam. Prompt stellte Baden-Baden den Anschluss her. Dreimal nacheinander trafen die Gäste ins leerstehende Gmünder Gehäuse, ein weiteres Mal rettete die Latte. Der TSB musste, wie Abt sagte, kräftig leiden. Die richtige Antwort lieferte Kai Schäffner mit einem Rückraumgeschoss zum 21:18 (35.). Doch selbst als Leichs kurz danach auf 23:19 (36.) stellte, blieb die nötige Sicherheit aus. TVS-Torjäger Schlager traf dreimal in Folge zum 23:22 (41.) - der Krimi in der Großen Sporthalle war eröffnet.

 

Abt und Leichs hielten die Jets im Vorteil, bis Linkshänder Krauth zum 25:25 (44.) ausglich. Baden-Baden witterte seine Chance. Doch Abt ergriff nun die Initiative, setzte sich zweimal mit vollem Körpereinsatz durch und setzte Nebenmann Stefan Scholz genial in Szene. So machte der TSB auch den kurzzeitigen Rückstand beim 28:29 (50.) prompt wett. Die Emotionen kochten hoch, als Schäffner für ein Foul auf die Strafbank geschickt wurde und sein Trainer die nächste Zeitstrafe kassierte. Von der doppelten Unterzahl ließ sich der TSB nicht schocken, verteidigte aufopferungsvoll und riss das Publikum von den Sitzen. Schäffner kam zurück aufs Feld und stellte mit dem 32:31 (54.) die Führung wieder her.

 

Das größte Gmünder Plus war abermals das starke Torhütergespann. Nachdem Mühleisen seinen Platz räumte, fand der für ihn eingewechselte Tobias Klemm sofort mit einer Parade ins Spiel. Kurz danach verbuchte der 29-Jährige, der zum Saisonende seine Laufbahn beenden wird, die wohl alles entscheidende Szene: Der elffache Torschütze Schlager rannte frei aufs Gmünder Tor zu, doch Klemm sprang explosiv hoch und wehrte mit dem Fuß ab. Im Gegenzug warf Scholz den TSB erneut in Front, die Gäste glichen aus und die letzte Minute musste entscheiden.

 

Fröhlich berief eilig eine Auszeit ein und gab den letzten Angriff vor. Wieder war es Abt, der die Entscheidung suchte und 14 Sekunden vor dem Ende nervenstark zum 35:34 einnetzte. Die Gmünder zogen sich eilig zurück, erstickten den letzten gegnerischen Angriff im Keim und jubelten anschließend ausgelassen. Zu sehr für den Geschmack der Gäste, deren Coach Catak sich hinterher selbstkritisch zeigte: „Wir hätten es besser ausspielen müssen, doch in den letzten Minuten haben wir zu viele einfache Fehler gemacht. Es ist brutal schwierig, in dieser Liga aufzusteigen – dazu muss alles passen und das hat es bei uns heute nicht.“

 

Der TSB hat als neuer Tabellenführer mit 35:13 Punkten nun die Tür zur 3.Liga ganz weit aufgestoßen, da Konkurrent HSG Albstadt (35:15) parallel der HSG Willstätt/Hanauerland dramatisch mit 38:39 unterlag. „Wir wollten diesen Sieg unbedingt“, lobte Fröhlich sein Team, „mit allem was wir haben, haben wir es auf unsere Seite gezogen.“ Sein Kapitän Tom Abt merkte an: „Wir wissen, dass wir Spitzenspiele können und rechtzeitig auf 150 Prozent hochfahren können. Manchmal kann man sich das nicht erklären.“

 

Die Gmünder haben gezeigt, dass sie reif sind für den ganz großen Wurf – wenn sie es sich nicht wieder durch eigene Patzer kaputt machen.Etwa am kommenden Samstag (19:30 Uhr) beim Tabellenelften HC Neuenbürg, den man im Hinspiel mit 26:30 unterlag. „Es ist das nächste Finale“, appellierte Fröhlich deshalb: „Es ist keine Floskel, dass wir in dieser Liga gegen jeden gewinnen und gegen jeden verlieren können. Es ist noch gar nichts entschieden.“ Die Momentaufnahme allerdings sollte Motivation genug sein, um die verbleibenden sechs Partien kämpferisch genauso anzugehen.  


TSB Jets – TVS 1907 Baden-Baden 35:34 (18:15)
TSB: Daniel Mühleisen (1.-47.Minute), Tobias Klemm (47.-60.) – Niklas Burtsche (11/6), Tom Abt (9), Kai Schäffner (4), Yannik Leichs (4), Stefan Scholz (4), Jonas Waldenmaier (2), Andreas Maier (1), Stephan Mühleisen, Wolfgang Bächle, Lenny Schwenk, Florian Abele, Arian Pleißner, Patrick Watzl
TVS: Dominik Merz – Julian Schlager (11), Tim Krauth (6), Luis Klingler (6), Andre Ockert (4/2), Elias Dörflinger (3), Jeremias Seebacher (3), Luis Materna (1), Sebastian Wichmann, Joel Kraus, Thilo Hafner, Luca Schlageter, Elias Maier, Mirco Schlageter
Siebenmeter: TSB 6/6 – TVS 2/2
Zeitstrafen: TSB 8 Minuten – TVS 10 Minuten
Rote Karte: Mirco Schlaegeter (TVS/55./Grobes Foulspiel)
Schiedsrichter: Andre Geiss (Mühlhausen), Maximilian Winter (Ketsch)
Zuschauer: 900

(Text: Nicolas Schoch - Bilder: Frank Bieg)