Taktik, Breite, Coolness: Die wichtigsten Erkenntnisse zum Saisonstart des TSB Gmünd

Der TSB Gmünd hat in seiner „neuen Welt“ Fuß gefasst und gezeigt, was möglich ist. Zwischen Lehrstunde, Premierensieg und dem ersten bitteren Rückschlag zeichnen sich fünf wichtige Erkenntnisse ab.

Drei Spiele, drei völlig unterschiedliche Auftritte. Beim VfL Pfullingen bekam der TSB Gmünd beim 25:33 zunächst aufgezeigt, wie hoch die Messlatte in der 3. Liga liegt. Gegen die Rhein-Neckar Löwen II bewies der Aufsteiger beim 32:31 anschließend, dass er auch einem hoch ausgebildeten Bundesliga-Nachwuchs beikommen kann. Und beim 27:31 gegen Mitaufsteiger SG Regensburg erlebten die „Jets“ schließlich ihren ersten echten Rückschlag – auch weil sie sich in entscheidenden Phasen selbst schwer machten. Was nach drei Spieltagen gut funktioniert, wo der Aufsteiger noch zulegen muss und welche Lehren für den weiteren Kampf um den Klassenverbleib bleiben.
 
  1. Das Leistungsniveau

Die intensive Vorbereitung und die akribische Gegneranalyse haben sich ausgezahlt. Doch bis auf drei Akteure hatte vorab keiner Drittliga-Erfahrung. „Die Qualität spürt man in unterschiedlicher Art und Weise – wir müssen das auch bringen, mit mehr Dynamik und auch mehr körperlichem Einsatz“, sagt Trainer Aaron Fröhlich. Mit einer starken Abwehr stellte man besonders die „Junglöwen“ vor erhebliche Probleme und kassierte nur 13 Gegentore in der zweiten Halbzeit. Das Problem: Diese Qualität ist noch nicht konstant abrufbar. Die offensive Durchschlagskraft war in Pfullingen und gegen Regensburg über weite Strecken verschollen. Der TSB kann in Gleichzahl mit Drittligisten mithalten – aber er kann es sich noch nicht leisten, über längere Zeit unter seinem Leistungsmaximum zu bleiben. Der TSB muss deshalb lernen, auch während eines Spiels schneller gegenzusteuern. Denn es gibt keine einfachen Gegner mehr. Selbst wenn Einstellung und Einsatz stimmen, ein paar fehlende Prozent an Intensität und Effizienz lassen sich nicht mehr zurückgewinnen.
 
  1. Die Kaderbreite

Yannik Leichs fehlt mit einem Syndesmosebandriss voraussichtlich bis Ende Oktober – und damit ein Spieler, der in beiden Spielrichtungen enorm wichtig ist. Dazu kam zuletzt Christian Waibel mit einer Zerrung nicht zum Einsatz, Patrick Watzl musste seine Karriere verletzungsbedingt beenden. Doch die ersten drei Spiele haben auch gezeigt, dass der TSB Alternativen besitzt. Kai Kiesel ist dafür das beste Beispiel. Der 24-jährige Kai Kiesel hat sich vor allem defensiv zu einer echten Alternative entwickelt. Das Motto muss deshalb lauten: Aus dem vorhandenen Material das Bestmögliche machen. Der neue Rechtsaußen Agustin Ortlieb Basualdo ist bislang noch gar nicht zum Einsatz gekommen, Nils Eilers und Jonas Waldenmaier hatten nur kurze Einsatzzeiten. Gerade gegen Regensburg wurde allerdings deutlich, wie schwierig es ist, Leistungsträger zu ersetzen. Die erhofften Impulse von Lenny Schwenk und Arian Pleißner verpufften relativ schnell. Tom Abt und Kai Schäffner wurden von der Regensburger Abwehr lange weitgehend aus dem Spiel genommen, Stefan Scholz kam offensiv kaum in seine Rolle. Und als Abt in der Schlussphase angeschlagen draußen saß, war dessen spielerische Genialität und Führungsqualität nicht zu ersetzen. Auf Dauer muss der TSB mehr Breite entwickeln. Weitere (langfristige) Ausfälle von Leistungsträgern lassen sich kaum kompensieren.
 
  1. Die taktischen Tricks

Sieben Feldspieler, vier Rückraumspieler, zwei Kreisläufer: Der TSB bietet so ziemlich alles, was der moderne Handball an taktischen Möglichkeiten hergibt. Das spricht für die Flexibilität der Mannschaft und die Arbeit des Trainerteams. Die neuen Spieler haben die Systeme schnell verinnerlicht, während der Stamm ohnehin seit zwei Jahren eingespielt ist. Gleichzeitig sind manche Varianten auch eine Notwendigkeit. Der TSB ist personell nicht so breit aufgestellt wie viele etablierte Drittligisten und muss mit seinen Kräften haushalten. 60 Minuten Vollgas-Handball lassen sich nicht immer durchziehen. Die taktische Variabilität ist deshalb eine Stärke – sie darf aber nicht zur Schwachstelle werden. Denn gerade wenn das Momentum kippt, werden technische Fehler besonders teuer. Ein riskanter Pass an den Kreis oder ein Ballverlust bei leerem Tor kann aus einer ausgeglichenen Partie innerhalb weniger Sekunden eine ganz andere machen. Gerade gegen Regensburg probierte der TSB viel, fand aber zu selten dauerhaft Lösungen gegen die kompakte Deckung. Fröhlich und seine Mannschaft müssen deshalb nicht weniger variabel, sondern variabel mit mehr Kontrolle werden. In einer Liga, in der Kleinigkeiten entscheiden, kann ein geduldig ausgespielter Angriff wertvoller sein als der vermeintliche Überraschungscoup.
 
  1. Der kühle Kopf

Die vielleicht wichtigste Baustelle nach drei Spielen liegt zwischen den Ohren. Der TSB hat Moral. Er hat Energie. Er hat Selbstvertrauen. Was ihm noch fehlt, ist die nötige Coolness in den entscheidenden Momenten. Immer wieder sind es kurze Durststrecken, die dem Neuling teuer zu stehen kommen. Besonders auffällig: die Unterzahlsituationen. Gegen die Rhein-Neckar Löwen II gab es die Rote Karte gegen Andreas Maier und weitere Zeitstrafen, gegen Regensburg folgten ab der 40. Minute gleich drei Zeitstrafen unmittelbar aufeinander. Aus einem 20:20 wurde innerhalb von 117 Sekunden ein 20:24. „In dieser Phase, in denen wir zu emotional waren und uns etwas ungerecht behandelt gefühlt haben, da haben wir dann auch zu viele Fehler gemacht offensiv“, betont Fröhlich. In der 3. Liga werden solche Phasen härter bestraft als in der Regionalliga. Auch das DHB-Schiedsgericht zwischen den Trainerbänken schaut genauer hin. Ein Wechselfehler wie oder ein unerlaubtes Betreten des Spielfelds durch den Trainer wird unmittelbar sanktioniert. Härte und Aggressivität sind erwünscht. Hektik nicht. Der nächste Entwicklungsschritt besteht darin, auch dann einen klaren Kopf zu behalten, wenn es auf dem Feld und zwischen den Bänken emotional wird.
 
  1. Der Rückhalt

850 Zuschauer beim ersten Heimspiel gegen die Rhein-Neckar Löwen II, 800 gegen Regensburg – und das jeweils noch während der Sommerferienzeit. Gmünd hat offensichtlich richtig Lust auf Drittliga-Handball. Aktuell bedeutet das den besten Zuschauerschnitte der Südstaffel. Deutschlandweit liegen nur acht Vereine vor dem TSB, angeführt von den Traditionsvereinen Eintracht Hildesheim (1152) und EHV Aue (1050). Auch für die Mannschaft ist dieser Rückhalt ein wichtiger Faktor. „Der Rückhalt war bombastisch“, sagt Torhüter Fabian Bauer. Umso enttäuschter war er, dass die Mannschaft das gegen Regensburg nicht mit zwei Punkten zurückzahlen konnte. Dass die Regensburger Presse vor dem Spiel vor einem „extrem lauten Hexenkessel mit einer aggressiven Stimmung auf der Tribüne“ gewarnt hatte, sorgte im Gmünder Lager eher für Verwunderung. Laut ist die Große Sporthalle zweifellos – aggressiv aber keineswegs. Und genau diese Lautstärke kann für den TSB zur Waffe werden. Trainer Fröhlich sagt deshalb selbstbewusst: „Wir wollen die Heimspiele gegen jeden gewinnen – und das halte ich auch für realistisch.“ Gegen Regensburg ging ein erstes Vier-Punkte-Spiel unnötig verloren. Etwas, das sich am Samstag (19:30 Uhr / Große Sporthalle) gegen den noch punktlosen Mitaufsteiger HSG Albstadt nicht wiederholen sollte.

(Text: Nicolas Schoch - Bilder: Frank Bieg)